Arbeitsmarktintegration zugewanderter Ärzte und Krankenpfleger: Integrative Arbeitsplätze wichtig

11. Juni 2015

Im Hinblick auf den zunehmenden Fachkräftebedarf in Deutschland wird verstärkt auf die Arbeitsmarktöffnung und eine aktive Anwerbepolitik im Ausland gesetzt. Insbesondere im stark vom Fachkräftemangel betroffenen Gesundheitssektor gilt es, ausländischen Fachkräften den Zugang zu erleichtern und ihre Arbeitsmarktintegration zu fördern. Dass für eine erfolgreiche Integration der zugewanderten Fachkräfte auch die Erfahrungen am Arbeitsplatz von großer Bedeutung sind, geht aus einer aktuellen Studie im Rahmen des europäischen Projekts WORK->INT hervor, die sich auf Feldforschung an zwei Hamburger Krankenhäusern stützt.

Mikrozensus-Daten zeigen die zunehmende Bedeutung ausländischer Fachkräfte für den deutschen Gesundheitssektor. Im Zeitraum von 2005 bis 2012 ist der Anteil der ausländischen Arbeitskräfte im Sektor kontinuierlich von 4,7 % auf 5,4 % gestiegen, was rund 150.000 Personen im Jahr 2012 entsprach. Im Verhältnis zu ihrem Anteil an der gesamten erwerbstätigen Bevölkerung in Deutschland (9,3 %) sind ausländische Beschäftigte im Gesundheitssektor jedoch weiter unterrepräsentiert. Das kann mit einem schwierigen Zugang zum deutschen Gesundheitssektor, aber auch mit den konkreten Erfahrungen am Arbeitsplatz in Zusammenhang gebracht werden, der besondere Herausforderungen an zugewanderte Fachkräfte stellt.

Aus der Studie geht hervor, dass der Zugang zum Gesundheitssektor durch verbesserte Zuwanderungsmöglichkeiten und Regelungen für eine Anerkennung der beruflichen Qualifikation deutlich erleichtert wurde (vgl. Ausgaben 4/14, 3/13). Interviewte Ärzte haben von der Blue Card profitiert, Krankenpflegern kommen Pilotprojekte für Auszubildende sowie die Positivliste der Bundesagentur für Arbeit zugute, die Gesundheits- und Krankenpflege als Mangelberuf definiert. Erst mit dem Inkrafttreten des Anerkennungsgesetzes im April 2012 konnten etwa Ärzte aus Drittstaaten ihre Approbation erhalten. Zuvor konnten sie mit einer Berufserlaubnis in Deutschland nur eingeschränkt in ihrem Beruf arbeiten. Die Bedeutung des Anerkennungsgesetzes für die Gesundheitsberufe belegt auch die Statistik. Mit 83 % der positiv abgeschlossenen Verfahren ließen im Jahr 2013 vor allem Gesundheitsfachkräfte ihre berufliche Qualifikation anerkennen. Das entspricht 9.888 Personen, darunter 6.030 Ärzte und 2.403 Gesundheits- und Krankenpfleger.

Die Arbeitsmarktintegration zugewanderter Fachkräfte ist mit dem formalen Zugang zum Gesundheitssektor aber nicht abgeschlossen. Eine Einstellung an einer deutschen Gesundheitseinrichtung setzt hohe Investitionen der zugewanderten Fachkräfte in Bezug auf Fach- und Sprachkenntnisse voraus. Insbesondere in attraktiven Regionen wie Hamburg, das bislang keine Engpässe beim ärztlichen Personal und nur anfängliche beim Pflegepersonal zeigt, werden inländische Fachkräfte aufgrund des geringeren administrativen Aufwandes und eines kalkulierbareren Einstellungsprozesses Bewerbern aus dem Ausland vorgezogen.

Am Arbeitsplatz selbst sehen sich zugewanderte Gesundheitsfachkräfte vor allem zu Beginn der Anstellung besonderen Herausforderungen gegenüber. Trotz teils berufsbezogener Sprachtrainings vor der Jobaufnahme stehen sie vor der Aufgabe, Kenntnisse von fachbezogenem Vokabular sowie die medizinische Alltagssprache berufsbegleitend zu erlernen (vgl. Ausgabe 6/14). Neue Arbeitsprozesse und die Arbeitskultur in deutschen Gesundheitseinrichtungen fordern von zugewanderten Fachkräften zudem eine intensivere Einarbeitung am Arbeitsplatz als von Kollegen, die ihre Ausbildung im deutschen Gesundheitssystem durchlaufen haben und die Strukturen bereits kennen. Unterstützungsmaßnahmen in der Anfangsphase der Beschäftigung können diese Einarbeitungsprozesse beschleunigen und dadurch zu einem besseren Einsatz der fachlichen Qualifikationen und einer höheren Akzeptanz der zugewanderten Fachkräfte im Team führen.

Im Laufe der Beschäftigung nehmen Beziehungen zu Kollegen und Patienten am Arbeitsplatz eine wichtige integrative Rolle ein. Auch wenn die Fachkräfte die Arbeitsatmosphäre überwiegend als positiv beschreiben, fühlt sich eine hohe Zahl der Befragten aufgrund von Misstrauen der Kollegen und der Patienten hinsichtlich ihrer fachlichen Fähigkeiten nicht ausreichend wertgeschätzt. Ausschlaggebend für den langfristigen Verbleib sind jedoch vor allem allgemein gültige Faktoren, wie Arbeitsbedingungen und die persönlichen Aufstiegs- und Entwicklungsmöglichkeiten. Steigende Arbeitsbelastung und aussichtsreiche Karriereperspektiven andernorts werden von interviewten Ärzten und Krankenpflegern als Hauptgründe für einen Arbeitsplatzwechsel angegeben und spielen auch bei Überlegungen, Deutschland zu verlassen, eine Rolle.

Im Ergebnis macht die Studie deutlich, dass der erleichterte Zugang zum Gesundheitssektor für zugewanderte Ärzte und Krankenpfleger zwar ein wichtiger Schritt zu ihrer Arbeitsmarktintegration ist. Ob diese aber langfristig gelingt, ist unter anderem von den konkreten Erfahrungen abhängig, die zugewanderte Fachkräfte an ihrem Arbeitsplatz machen. Unterstützungsmaßnahmen wie das Einsetzen von Sprachvermittlern und Mentoren, die Migranten zeitweise am Arbeitsplatz begleiten und beim Einarbeitungsprozess in den ersten Monaten unterstützen, sowie eine allgemeine Verbesserung der Attraktivität der Arbeitsplätze im Gesundheitssektor können zur langfristigen Bindung von zugewanderten Fachkräften beitragen. Nur so kann dem akuten Fachkräftemangel langfristig begegnet, der Fachkräftebedarf in Zukunft gedeckt und die interkulturelle Öffnung des Sektors in einer Gesellschaft mit wachsender kultureller Vielfalt gesichert werden.

Die Autorinnen Vesela Kovacheva und Mareike Grewe sind wissenschaftliche Mitarbeiterinnen am Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI).

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