Tipp aus der Redaktion: Bekenntnisse eines Menschenhändlers. Das Milliardengeschäft mit den Flüchtlingen

7. Mai 2015

Auf die jüngste Flüchtlingstragödie im Mittelmeer hatten die europäischen Innenminister vor allem eine Antwort: die kriminellen Schlepperaktivitäten sollen stärker bekämpft werden. Was das genau heißt, darüber wird heftig gestritten. Um die Schleuser und deren Motive geht es dabei kaum, entsprechend eindimensional bleibt der Blick auf das Phänomen der Schleuserkriminalität.

Der italienische Kriminologe Andrea Di Nicola und der Fotograf Giampaolo Musumeci weiten mit „Bekenntnisse eines Menschenhändlers. Das Milliardengeschäft mit den Flüchtlingen“ den Blick. Das Buch versammelt in locker geschriebenen Texten die Ergebnisse ihrer Recherchen entlang der Hauptmigrationsrouten nach Europa. In Libyen, Marokko und Ägypten, Griechenland, Italien, Frankreich und Bulgarien haben sie mit Flüchtlingen, Mittelsmännern und Schleusern, Ermittlungsbeamten und Staatsanwälten gesprochen, um der Geschichte des lukrativen Geschäfts hinter den Dramen an Europas Außengrenzen auf die Spur zu kommen. Dabei haben sie unzählige Erlebnisberichte und Geständnisse gesammelt, aus denen sie hier ein Gesamtbild des modernen Menschenschmuggels kaleidoskopartig zusammensetzen. Es entsteht das Bild eines globalen, hoch professionellen und flexiblen Netzwerks „mit eigenen Regeln“, in dessen Zentrum „mächtige Berufsverbrecher“ an den Fäden des organisierten Verbrechens ziehen.

Männer wie der Kroate Josip Loncaric, der mit seinem Netzwerk jahrelang die chinesische Einwanderung nach Europa kontrollierte. Oder wie der Türke Muammer Küçük, der vom fast verunglückten Bootsflüchtling zum skrupellosen Bandenchef aufstieg, um mit gleichermaßen innovativen wie rücksichtslosen Methoden die irreguläre Migration im Mittelmeerraum zu dominieren. Teil dieses Bildes sind aber auch der „Flüchtlingsfischer“ Aleksandr aus Sibirien, der eines der „modernen trojanischen Pferde“ durch die Ägäis steuert, unter Deck meist Schutzsuchende aus Syrien oder Afghanistan. Seinen Auftraggeber kennt Aleksandr nicht persönlich, von seinen „Passagieren“ bekommt er die Koordinaten, wo er sie an der Küste einladen kann, nur sein Geld erhält er über Mittelsmänner. „Verteilte Kriminalität“ nennen Di Nicola und Musumeci dieses System der Risikoverteilung, mit dem die Hintermänner zugleich auch sicherstellen, dass Polizei und Sicherheitsdienste nicht an sie herankommen.

Dieses Netzwerk profitiert in zweierlei Hinsicht. Zum einen von der europäischen Einwanderungspolitik, weil ihre Dienstleistung, Menschen am Grenzschutz vorbei nach Europa zu bringen, „in unserem Jahrtausend, in dem reiche und arme Länder immer weiter auseinanderdriften, zunehmend gefragt sind“, wie die Autoren schreiben. Zum anderen von der Situation ihrer „Kunden“, für die die europäischen Küsten das rettende Ufer auf der Flucht aus einem Leben voller Bedrohungen und Entbehrungen darstellt.

Gegenüber den Ermittlungsbehörden sind die Schleuser meist im Vorteil, dazu trägt auch der technische Fortschritt bei. Nicht selten sind sie besser ausgerüstet als die Sicherheitskräfte, die gegen sie vorgehen. Die „Schleuser 2.0“ kommunizieren via Skype, suchen sich ihre „Kunden“ in anonymisierten Onlineforen, besorgen sich per Mausklick perfekt gefälschte Dokumente und verwenden bei ihren Transporten Satellitentechnik.

Anhand von Augenzeugenberichten und Fotografien decken Di Nicola und Musumeci die Machenschaften „der größten durchorganisierten illegalen Reiseagentur der Welt“ auf. Zugleich machen sie die wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Mechanismen sichtbar, die dafür sorgen, dass dieser Agentur nicht die Kunden ausgehen.

Andrea Di Nicola, Giampaolo Musumeci: Bekenntnisse eines Menschenhändlers. Das Milliardengeschäft mit den Flüchtlingen. Kunstmann 2015. 18,95 €. ISBN 978-3-95614-029-7. www.kunstmann.de

 

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